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Neue Hackerethik mit Kant?

Auf der Sigint 2012 wurde wie Golem.de schreibt eine neue Hackerethik diskutiert (und wird es noch immer), die auf dem Kategorischen Imperativ aufbauen soll. Ich möchte ein paar Anmerkungen in Sachen Kant loswerden.

Obwohl Immanuel Kant zweifellos einer der größten Philosophen aller Zeiten war und viele, viele Themen schon angedacht hat, bevor sie überhaupt in Zeiten wie den heutigen aktuell waren, oder aber es (wie in der Philosophie eben hin und wieder mal) immer sein werden, stehe ich der Forderung, den Kategorischen Imperativ zur neuen Hackerethik zu machen, doch ein wenig kritisch gegenüber.

Was ist der Kategorische Imperativ?

Bevor man solch ein Wort auf irgendein unvorbereitetes Publikum loslässt, sollte man sein inhaltliche Bedeutung klären. Kant selbst hat ein mehrere hundert Seiten starkes Werk über seine deontologische, im Kategorischem Imperativ gipfelnde Ethik geschrieben, die Kritik der praktischen Vernunft (das Wort “Kritik” ist hier nicht im heutigen Sinne von “bemängeln” zu sehen, sondern ist einfach ein altertümliches Wort für “ausführliche Disussion”). Solch eine Ethik lässt sich nicht mal eben reduzieren. Ich will trotzdem eine kurze Erklärung versuchen:

Der Kategorische Imperativ ist eine Ethik, die einen Absolutheits- und Unabhängigkeitsanspruch stellt, d.i. eine Ethik, die unabhängig von Kultur, Abstammung oder moralischen Auffassungen ist und von jedem jederzeit auf jede Handlung (oder besser gesagt auf deren Maximen, dazu komme ich gleich) angewandt werden kann. Für Kant leitet sich diese Ethik aus dem dem Menschen a priori (d.h. vor aller Erfahrung, bevor er irgendeine Erfahrung irgendeinster Art gemacht hat) immanent eingeschriebenen Faktum der Vernunft her, nach dem laut Kant jeder vollkommen objektiv denkende und von jeglichen Einflüssen unabhängige Mensch zu denselben Schlüssen käme, die der Kategorische Imperativ nahe legt. Soweit zur Vorgeschichte. Genaueres kann in der Kritik der praktischen Vernunft und ihrem Schwesterwerk, der Kritik der reinen Vernunft, in dem Kant den menschlichen Erfahrungsapparat analysiert, nachgelesen werden.

Der Kategorische Imperativ besitzt eine sog. Grundformel:

Handle, so, dass du durch die Maxime deiner Handlung zugleich wollen kannst, dass diese ein allgemeines Gesetz werde.

(Ich hoffe, dass ich sie richtig zitiert habe, das ist aus dem Gedächtnis, aber der Sinn sollte klar werden). Um diesen Satz zu verstehen, muss man zunächst einmal wissen, dass laut Kant jede Handlung eigentlich egal ist. Es kommt einzig und allein auf die hinter der Handlung stehende Absicht an. Er selbst bedient sich dazu des Beispiels eines Verkäufers, der seine Kunden nur nicht betrügt, weil ihm das, käme es heraus, Nachteile einbringen würde, anstatt seine Kunden als Menschen sprich Zweck an sich zu sehen. Das ist keine moralisch gute Handlung, obwohl es nach außen vielleicht so aussehen mag. Diesen Bewegungsgrund, der hinter einer Handlung steht, nennt Kant die Maxime einer Handlung. Maximen sind nur dann gültig, wenn sie die Prüfung durch den obigen Kategorischen Imperativ bestehen, andernfalls ist eine Maxime lediglich ein hypotethischer Imperativ und moralisch wertlos, sie und alle aus ihr folgenden Handlungen müssen verworfen werden.

Zum besseren Verständnis formuliert Kant den Kategorischen Imperativ in zwei weiteren Varianten, der Naturgesetz- und der Menschheitszweckformel. Erstere besagt sinngemäß, dass man sich eine Maxime als unumstößliches Naturgesetz denken können muss, d.h. im Kopf “simulieren” muss, was passieren würde, wenn alle Menschen in jeder Art von Situation dazu gezwungen wären, sich an diese Maxime zu halten. So ist es etwa leicht ersichtlich, dass Lügen moralisch verwerflich ist, denn würde jeder immer und überall Lügen, gäbe es keine Wahrheit mehr und Lügen wäre die Wahrheit, was Lügen als Ding überflüssig machen würde1. Diese logischen Widersprüche sind es, auf die der Kategorische Imperativ abzielt. Die Menschheitszweckformel besagt, was ich oben schon beim Verkäufer kurz andeutete: Jeder Mensch ist Zweck an sich selbst, und darf niemals als bloßes Mittel zum Zweck angesehen werden. Damit verbietet der Kategorische Imperativ alle menschenverachtenden Handlungen.

Der Kategorische Imperativ ist damit eine Ethik, die nur auf Logik aufbaut, ja fast mathematisch ist. Das ist ihre größte Stärke (da sie so unabhängig ist von allem Geschehen und Meinen) und zugleich ihre größte Schwäche. Der Kategorische Imperativ schaut nur auf die Intention einer Handlung, und ignoriert die Handlung selbst. Folgen einer Handlung, gleich wie gravierend, sind irrelevant. Der Kategorische Imperativ ist keine Folgenethik, und eine versehentliche Vernichtung der Menschheit wäre damit machbar (solange es nicht die initiale Absicht war, weil die Maxime dann die strenge Prüfung des Kategorischen Imperativs nicht bestanden hätte, insbesondere die Menschheitszweckformel missachtet hätte). Auch problematisch am Kategorischen Imperativ sind Konfliktsituationen: Angenommen, jemand, der von einem Mörder verfolgt wird, befindet sich in meinem Haus. Der Mörder erkundigt sich, ob “ein Freund von ihm” bei mir sei. Antworte ich mit “Ja”, habe ich gegen den Kategorischem Imperativ verstoßen, weil ich den Menschen vorsätzlich nicht als Zweck an sich geachtet habe. Antworte ich mit “Nein”, habe ich auch gegen den Kategorischen Imperativ verstoßen, weil ich gelogen habe und Lügen wie zuvor gezeigt nicht als allgemein gültiges Gesetz in allen Situationen gedacht werden kann.

Soweit der Kurzabriss. Der Kategorische Imperativ reicht noch viel weiter, wen es interessiert, der kann sich durch die oben angegebene Literatur wühlen.

Warum sollte der Kategorische Imperativ nicht zur neuen Hackerethik werden?

Weil er nicht auf Folgen schaut, sondern nur auf Absichten. Natürlich ist es wichtig, sich die Beweggründe einer Handlung als so objektiv wie möglich vorzustellen und zu überlegen, was wäre, wenn alle Menschen in jeder Situation so handeln würden (bemerke den entscheidenden Unterschied zur Goldenen Regel von Jesus von Nazareth, die besagt, dass man anderen gegenüber so handeln solle, wie man sich selbst behandelt sehen will2 — diese sieht nur die Handlung, jener aber die Absicht!), aber deswegen darf man es unter keinen Umständen vernachlässigen, über die tatsächlichen Folgen seiner Handlung nachzudenken, sodass man nicht versehentlich der Menschheit den Garaus macht. Der Kategorische Imperativ ist NICHT die biblische Goldene Regel, und wenn man nach der handeln will, soll man es auch so sagen, und nicht Kant fehlinterpretieren. Die deontologische Ethik Kants hat niemals Folgen geachtet, und gerade das ist doch, was man in einer Hackerethik beachten will. Auch wenn es wie gesagt wichtig ist, über den Allgemeingültigkeitsanspruch einer Absicht intensiv nachzudenken und seine Kunden eben doch als Menschen und nicht als Mittel für etwas zu betrachten.

Valete.

1 Da war doch mal was mit George Orwell und der Lüge als Wahrheit mangels anderer Wahrheiten…

2 Entgegen eines weitverbreiteten Irrtums heißt die Goldene Regel nicht “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu”. Die Negation muss entfernt werden, ein richtigerer Satz wäre “Was du willst, das man dir tu, das füg’ auch allen andern zu”.